Blaues Leuchten

Das Blau der Poesie

Die blaue Blume der Romantik

Das berühmteste blaue Symbol in der deutschen Dichtung ist die blaue Blume in Novalis' Roman "Heinrich von Ofterdingen". Heinrichs Traumbilder am Beginn des Romans sind voller Blau: die nassen Wände der Höhle, die ein mattes, bläuliches Licht von sich werfen, die dunkelblauen Felsen am Rande der Quelle, der schwarzblaue Taghimmel und schließlich die hohe, lichtblaue Blume an der Quelle, die vor dem Hintergrund der dunkleren Blaunuancen besonders glanzvoll erscheint. "Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit." Als er sich ihr zu nähern versucht, verändert sie sich: "die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte." Von nun an ist Heinrichs Leben von der Suche nach der blauen Blume bestimmt: "aber die blaue Blume sehn' ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken".

Möglicherweise geht die blaue Blume auf die alte Vorstellung der "Schatzblüte" zurück: Ein Schatz, gehütet vom Teufel oder von den armen Seelen, wird von einer blaue Flamme angezeigt, oder die Flamme ist selber der Schatz, der gerade "blüht". Irgendwann entstand daraus die blaue Wunderblume der Volkssagen, die den Zugang zu unermesslichen Schätzen  erschließt.

Durch Novalis schließlich wurde die blaue Blume zum Sinnbild der Romantik und ihrer sehnsuchtsvollen Suche nach dem Unerreichbaren: einer verloren gegangenen Einheit von Verstand und Gefühl, Kultur und Natur, Poesie und Leben. Gegen die reine Vernunft, gegen die gewohnten, eingeschliffenen Ordnungen des Denkens setzt die romantische Poesie das Recht der Einbildungskraft, gegen das Gewöhnliche das Geheimnis, gegen die Logik die bildhafte Erkenntnis der Märchen und Träume, gegen das Faktische das Mögliche. Der Kunst wird so der Raum zugewiesen, den das aufgeklärte Realitätsprinzip vernachlässigt. Die vorherrschende Farbe dieses imaginären Raums ist: blau.

Das ungestüme Blau der Poesie

Seit jeher nur eingebildet, nur in der Vorstellung existent: das Blau der Dichtung. So der irische Autor Samuel Beckett in einer kurzen Passage von "Losigkeit" (Lessness). Das könnte resigniert klingen, aber selbst in diesem einen Satz beschwört Beckett die Kraft dieser erträumten Substanz, die wilde Phantasie, die "ungestümen Träume", wie es Elmar Tophoven übersetzt hat: Never but imagined the blue in a wild imagining the blue celeste of poesy. - Seit jeher nur erträumt das Blau in ungestümen Träumen das himmlische Blau der Poesie.

In Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" erhält die Ich-Erzählerin in einem Traum von der "höchsten Instanz" drei Steine - einer davon ist blau: "Der zweite blaue Stein, in dem alle Blaus zucken, sagt: Schreiben im Staunen." Darin drückt sich eine poetische Einstellung aus, die darauf abzielt, das Gewöhnliche, Alltägliche, je schon Bekannte wieder in seiner Rätselhaftigkeit aufzuzeigen und neu erfahrbar zu machen - im weitesten Sinne das, was Peter von Matt als den "anarchischen Überschuss" bezeichnet hat: In der Kunst scheint auf, was im Alltagsdenken nicht aufgeht.

Mein blaues Klavier

So heißt ein Gedicht von Else Lasker-Schüler. Hier ein Auszug:

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier,
- Die Mondfrau sang im Boote -
Nun tanzen die Ratten im Geklirr."

Das Gedicht stammt aus den Jahren des Exils: 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, floh die jüdische Dichterin aus Deutschland. In "Mein blaues Klavier" beschreibt sie die Zerstörung, die damit einhergeht: Das blaue Instrument ist für immer zerbrochen, die glückliche Zeit der Geborgenheit im dichterischen Schaffen verloren. Wenn die Dichtung einst Heimat einer paradiesischen Gemeinschaft war, so ist der Zugang zu diesem utopischen Raum nun verwehrt. Nur in der Klage über den Verlust scheint der utopische Zustand noch einmal auf. Sternenhände und Mondfrau im Boot benennen dabei die Bildsphären, die schon seit jeher mit dem Erleben mystischer Einheit, Versenkung und spiritueller Erkenntnis verbunden sind: Nacht und Wasser. Nicht nur das Klavier in Else Lasker-Schülers Gedicht ist blau.


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