Blauer Stoff

Blau: Farbe des Praktischen und der Arbeit

Blau als Farbe des Alltags und der Arbeit - das hängt eng zusammen mit  der Geschichte der Blaufärberei in Europa und ihren natürlichen Farbstoffen, dem Indigo und dem Waid.

Das edle und das gewöhnliche Blau: Indigo und Waid

Der echte Indigo kommt aus Indien, es war ein Farbstoff, der aus der Pflanze "Indigofera Tinctoria" gewonnen wurde (abgekürzt: Indigo). Indigo war früher extrem teuer, denn der Farbstoff musste auf langen Handelswegen über Land nach Europa transportiert werden und war ein entsprechend seltenes, kostbares Gut. So waren mit Indigo gefärbte Stoffe im Mittelalter dem Adel vorbehalten. Erst als Vasco da Gama 1498 den Seeweg nach Indien entdeckte, wurde Indigo billiger.

Das "gemeine Volk" färbte seine Kleiderstoffe mit einem Blau, das aus der Färberpflanze Isatis Tinctoria, dem Waid, hergestellt wurde. Das Blau des Waid war weniger intensiv, auch hatte die Pflanze nur ein Dreißigstel der Ergiebigkeit von Indigofera Tinctoria. Aber Waid war ein relativ günstiger Farbstoff - nicht nur viel günstiger als Indigo, auch wesentlich preiswerter als andere natürliche Farben.
Auf den Stoffen der kleinen Leute, ungebleichtem Flachs und ungebleichter Wolle, wirkte das Waidblau trüb und billig. Es war das Indigoblau der Alltagskleidung, der Mägde und Dienstboten.

Blau machen und blau sein

Die Blaufärberei mit Waid war eine langwierige Angelegenheit. Zuerst musste der Farbstoff aus den Blättern der Färberpflanze gewonnen werden. Dazu waren heiße, sonnige Tage nötig. Getrocknete Waidblätter wurden in einer Brühe zum Gären gebracht, als Gärstoff diente dabei menschlicher Urin. Der entstehende Alkohol löst den Farbstoff aus den Blättern. Wie die Farbpsychologin Eva Heller beschreibt, erkannte man dabei, dass Zusatz von Alkohol den Gärungsprozess beschleunigt und die Ergiebigkeit steigert. Der Alkohol wurde aber nicht direkt zugeführt, sondern über einen Umweg: Die Färber tranken den Alkohol lieber und gaben ihn dann mittels ihres Urins in die stinkende Brühe. Der Herstellungsprozess zog sich über mehrere Tage hin, und immer wieder musste dabei alkoholangereichertes Urin zugeführt werden. So ist nach Eva Heller die Redewendung vom "Blau machen" entstanden: "Wenn Färber betrunken in der Sonne lagen, wusste jeder: Die machen Blau. Und wer Blau gemacht hatte, der war blau!"  Es gibt auch andere Erklärungen, aber Hellers Entstehungsgeschichte klingt plausibel, und auch wenn man nicht dran glauben mag, dass "Blau machen" hier seinen Ursprung hat: eine nette Geschichte ist es allemal.

In die schon schimmelnde Brühe wurden dann die Stoffe eingelegt. Danach wurden sie mit Urin gespült und in der Sonne getrocknet. Und erst hier, während der Oxidation im Sonnenlicht, entstand das Blau.

Der Untergang der Waidfärberei

Nachdem portugiesische Handelskompanien begonnen hatten, den indischen Indigo nach Europa zu bringen, versuchte man hierzulande, sich gegen die Konkurrenz aus Indien zu schützen. Indigo galt als Teufelsfarbe und wurde mit heftigen Verboten belegt. Um die Waidbauern zu unterstützen, führte der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620 - 1688) sogar dunkelblaue Soldaten-Uniformen ein. (Später, als Brandburg zum Königreich Preußen aufstieg, wurde aus diesem Uniformblau das Preußischblau.) Langfristig konnten sich aber die Waidschützer nicht durchsetzen - Indigo war einfach ergiebiger als Waid, und die Strafverfolgung war schwierig, weil indigogefärbte Stoffe sich kaum von waidgefärbten unterschieden. 1737 wurde Indigo in Deutschland legalisiert. Waid verschwand von den Anbauflächen.

Das Indigoblau der Chemie

Im 19. Jahrhundert begann man in Deutschland, nach Verfahren zur künstlichen Herstellung von Farben zu forschen. Die Namen der traditionsreichen chemischen Industrieunternehmen zeugen noch heute davon, dass bei uns die chemische Industrie als Farbenindustrie entstand: Farbwerke Hoechst, AGFA= Aktionsgesellschaft für Anilinfarben, BASF= Badische Anilin- und Sodafabrik… Bereits 1868 gelang es Adolf Baeyer, Indigoblau synthetisch zu erzeugen, aber das Verfahren war extrem teuer. Erst 1897 fand die BASF eine preiswerte Methode. Der natürliche Indigo war mittlerweile Monopol der britisch-indischen Handelsketten, die sich in einem fünfzehnjährigen zähen Preiskrieg gegen den künstlichen Farbstoff zu wehren versuchten. Aber der künstliche Indigo zeigte sich als überlegen. Er war reiner als der natürliche, einfacher zu verwenden, seine Produktion unabhängig von Witterungsverhältnissen oder Bodenbeschaffenheit - er verdrängte den natürlichen Indigo vom Weltmarkt. Adolf Baeyer wurde für seine Verdienste um die Entdeckung des künstlichen Indigos in den Adelsstand erhoben.

Blaumann und Blue Jeans

Blau blieb die beliebteste Kleiderfarbe aller Zeiten. Auf der ganzen Welt wurde Arbeitskleidung mit Indigoblau gefärbt: man trägt blaue Kittel oder einen blauen Overall, den "Blaumann" - auch die Blue-Jeans, die Arbeitskleidung der Cowboys und Goldgräber, war indigoblau. Um 1970 wurden sie das Erkennungszeichen der Konsumverweigerer und traten von da ihren weltweiten Siegeszug als Freizeitklamotte an…


© abraxis lern- und informationsmedien Kassel
http://www.abraxis.de